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Urvertrauen

 

23,05,01

 

Überlegungen bzgl. Urvertrauen

 

Der Begriff ‚Urvertrauen‘ („Basic Trust“) wurde von dem deutschen, 1933  in die USA emigrierten, Psychoanalytiker Erik H. Erikson geprägt. - Der Vorbereitende Ausschuss der Konferenz „Kindheit und Jugend“ des Weißen Hauses hatte Erikson 1950 aufgefordert die Frage einer gesunden Entwicklung der Persönlichkeit zu erörtern. Zusammen mit seiner Frau  entwickelte er ein (jedenfalls bzgl. der ersten 4 Stadien) sehr wichtiges Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung in welchem die erste Stufe der Entwicklung des Kindes das Thema Urvertrauen beinhaltet.

Üblicherweise wird angenommen, dass sich das Urvertrauen durch die Erziehung entwickelt. Jedoch meiner Ansicht nach ist das Urvertrauen nichts Anerzogenes, es ist biologisch vorgegeben, es ist angeboren. Die Erziehung kann dieses vorgegebene Urvertrauen konkret positiv ausformen oder aber schädigen. Z.B. ein Mensch, der als kleines Kind sadistisch behandelt wurde, hat für sein Lebtag eine Schädigung seines Urvertrauens, auch wenn sich nachträglich irgendwelche wohlmeinenden Adoptiveltern um eine positive seelische Entwicklung des Kindes redlich bemüht haben. Das äußert sich in antisozialem, zumindest nervigem Verhalten.

Kleinkinder, die andauernd losjammern und losschreien sind gewöhnlich nicht krank oder einfach unleidlich, sondern sie kämpfen in Wirklichkeit (in der gegebenen mißratenen Beziehung mit den Betreuern) um die Erhaltung ihres Urvertrauens (siehe dazu ausführlich ‘Schwarze Pädagogik’). Ebenso können spätere mißratene Beziehungen (auch im Erwachsenenalter)  unbegreifliche Verhaltensweisen bei einem Menschen erzeugen, die in Wirklichkeit einen (unbewussten) Kampf um die Erhaltung seines Urvertrauens darstellen.

Das Urvertrauen ist die (meist vollkommen unbewusste) Basis unseres Erlebens und unserer Sichtweise auf die Welt – bis in die Art unserer Phantasien und unserer Träume hinein. Wenn beispielsweise die Grübelarbeit vor dem Einschlafen stark negativistisch von Mißtrauen, Hass, Pessimismus gefärbt ist, so deutet das auf eine Schädigung des Urvertrauens hin. Ist der Mensch dagegen in der Lage, positive, enthusiastische Gefühle zu erzeugen, die ihn zu entsprechenden Projekten inspirieren, so ist sein Urvertrauen noch weitgehend intakt. Auch das Verhalten ist vom Urvertrauen geprägt. Ein hasserfüllter Mensch, der seinen Sadismus an anderen Menschen auslässt, hat offenbar einen schweren Schaden seines Urvertrauens. Siehe dazu auch Reflexionsjournal von 2001: Götz Eisenberg: zur inneren Entscheidung, vor der wir stehen (Der ‘Schrebergarten-Nazi’ von Gifhorn).

 

Da der Mensch ein soziales Wesen (‚Zoon politikon‘) ist, spielt auch sein aktives und passives Verhältnis zur Politik eine Rolle bzgl. seines Urvertrauens.

Ich weiß nicht, inwieweit man Urvertrauen, das man teilweise verloren hat, sich wieder aneignen kann, und wie dies konkret vor sich gehen soll.. Jedoch gibt es gewisse zwanghaft- harmonistische „Lichtgestalten“, die sich mit allerlei Tricks geistiger Unredlichkeit bemühen, möglichst wohlgefällig zu erscheinen. Ich denke hinter diesem Unrealismus und seinen Tricks steckt die Angst um einen (weiteren?) Verlust an Urvertrauen, wenn man möglichst realistisch die Gesellschaft betrachten würde wie sie ist, statt sich harmonistischerweise diesbezüglich was vorzumachen. Als konkretes Beispiel einer solchen ‚Lichtgestalt‘ habe ich den Schriftsteller Durs Grünbein (in einem Streitgespräch mit Uwe Tellkamp) vor Augen. Siehe Tabelle ideologischer Argumentationstricks No.04, Beispiel 3.

Es gibt meiner Ansicht nach eine Verwandtschaft meiner Vorstellung von der Fundamentalität des Urvertrauens in den menschlichen Beziehungen und Erich Fromms Vorstellungen von „Biophilie“ (Liebe zum Lebendigen) und „Nekrophilie“: Angezogenheit zu allem, was unlebendig, mechanisch, bürokratisch, tot ist. In meiner Sichtweise ist ‚Biophilie‘ nichts anderes als die Fähigkeit zum Urvertrauen, während ‚Nekrophilie‘ die vollkommene Abwesenheit von Urvertrauen wäre. So etwa behauptet Fromm über Hitler, dass dieser „ein Mensch war, der im tiefsten Grunde das Lebendige gehasst hat.“ (S.136). Auch hat Fromm noch eine weitere Sichtweise parat: „Der nekrophile Mensch ist unendlich langweilig; der biophile Mensch ist nie langweilig. (…) es ist immer in dem, was er sagt etwas Lebendiges. (…) und man ist gar nicht gelangweilt, sondern angeregt, weil das Leben spricht. Was anzieht, ist immer das Lebendige. Ein Mensch wird anziehend durch seine Lebendigkeit.“ (S.137). [Erich Fromm: Über die Liebe zum Leben. Rundfunksendungen herausgegeben von Hans Jürgen Schultz, DVA 1983].

Fromm’s Konzept und meines unterscheidet sich lediglich graduell: bei mir gibt es Gradunterschiede an Urvertrauen, die ich bei Erich Fromm bzgl. Biophilie bzw. Nekrophilie vermisse.

 

 

 

 

 

 

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