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Schwarze Pädagogik als Beispiel für...

 

Theorieabhängigkeit der Interpretation von Fakten

Im Folgenden benutze ich eine interessante Darstellung der Interaktion von Eltern und Kind um 1880 (‚Fin du Siècle‘) in dem autobiografisch durchtränkten Buch von

Marcel Proust: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Und zwar aus dem ersten von insgesamt 7 Büchern: „In Swanns Welt“, darin der erste Teil: „Combray“. Ich benutze einige Zitate Seite 52 ff. des ersten Bandes der 3-bändigen Ausgabe des Suhrkamp Verlages st 3209 des Jahres 2000.

Es geht dabei um einen kleinen Jungen (geschrieben in der Ich-Form, also der Autor als Kind) in einer Welt der Mittelklasse, die sich die französische Gesellschaft des 19. Jhdts als Kasten-Struktur mit starren Grenzmarkierungen, wer mit wem zu tun haben darf, konstruiert. Der Junge wird ab abends um 8 ins Bett geschickt und sehnt sich dort nach wenigstens einem Gute-Nacht-Kuss seiner Mutter. An diesem Abend wird er sogar “lange vor der durch das Ritual angesetzten Zeit“ zu Bett geschickt: “Los, geh schlafen, und keine Widerrede!“. Die Mutter jedoch verweigert sich ihm diesen Abend beharrlich – es sind Gäste in Haus und Garten anwesend. Eine List, ihr einen Brief durch die Dienerin Francoise zukommen zu lassen, er hätte ihr was Wichtiges mitzuteilen, half auch nichts. Deshalb entschloss er sich, der Mutter im Treppenhaus zu begegnen, wenn dieselbe zu ihrem Schlafgemach hochkommt. Er weiß, dass dies schlimme Folgen haben wird, da diese Ungezogenheit die Drohung mit dem Internat heraufbeschwört.

An der Treppe ergibt sich dann folgende Situation: <Sie aber hörte meinen Vater aus dem Badezimmer heraufkommen, wo er sich ausgekleidet hatte, und um die Szene zu vermeiden, die er bei meinem Anblick machen würde, sagte sie mit zornbebender Stimme: „Mach schnell, daß du fortkommst, daß wenigstens der Papa dich nicht sieht, wie du hier stehst und mir auflauerst wie nicht gescheit!“ Ich aber wiederholte: “Komm und sag mir gute Nacht“, selbst vor Schreck erstarrt, als sich der Widerschein von der Kerze meines Vaters schon bis zur halben Wandhöhe heraufstreckte, (…)>. Der Ich-Erzähler reflektiert nun eine besondere Charaktereigenschaft seines Vaters: „er gab nichts auf ‚Prinzipien‘ und kannte kein ‚Völkerrecht‘.“

<Aber eben weil er keine Grundsätze hatte (jedenfalls nicht in dem Sinne wie meine Großmutter), war er sozusagen auch nicht dogmatisch in seinen Entschlüssen. Einen Augenblick schaute er mich mit erstaunter und auch ärgerlicher Miene an, dann aber, sobald Mama in eine paar verlegenen Worten erklärt hatte, um was es sich handelte, sagte er: „Aber so geh schon mit ihm, du hast eben selbst gesagt, du seiest noch gar nicht müde; bleib ein bißchen bei ihm in seinem Zimmer, ich brauche nichts mehr.“ – „Aber lieber Freund“, brachte meine Mutter schüchtern hervor, „ob ich müde bin oder nicht, das ändert doch nichts an der Sache selbst, man darf das Kind doch nicht daran gewöhnen…“ – „Wer spricht denn von gewöhnen“, gab mein Vater achselzuckend zurück, „du siehst ja, der Kleine hat Kummer, er sieht ja ganz verzweifelt aus; wir sind doch keine Unmenschen! Wenn er nachher krank ist, hast du auch nichts weiter davon! Es stehen ja zwei Betten in seinem Zimmer, sage doch Francoise, sie soll dir das große richten, und schlafe bei ihm. Also, gut Nacht, ich bin gottlob nicht nervös, ich lege mich jetzt hin.“>

Nach einem kleinen Zwischenexkurs über die Veränderung durch die Zeit fährt der Ich-Erzähler fort: <Es ist jetzt sehr lange her, daß mein Vater nicht mehr zu Mama sagen kann: „Geh doch mit dem Kleinen.“ Solche Stunden können nie wiederkehren für mich. Aber seit kurzem fange ich an, wenn ich genau hinhöre, sehr wohl das Schluchzen zu vernehmen, das ich vor meinem Vater mit aller Macht unterdrückte und das erst ausbrach, als ich wieder mit meiner Mutter allein war. In Wirklichkeit hat es niemals aufgehört; nur weil das Leben um mich jetzt stiller ist, höre ich es von neuem, wie jene Klosterglocken, die den ganzen Tag über vom Geräusch der Stadt überdeckt werden, so daß man meint, sie schweigen, aber in der Stille des Abends fangen sie wieder zu läuten an.

Mama verbrachte damals die Nacht in meinem Zimmer; gerade als ich etwas begangen hatte, woraufhin ich glaubte, das Haus verlassen zu müssen, gewährten meine Eltern mir mehr als ich jemals von ihnen als Belohnung für eine schöne Tat erlangt hätte. Selbst in Gestalt dieser Gnadenerweisung behielt das Verhalten meines Vaters mir gegenüber etwas Willkürliches und Unverdientes, was sich daraus erklärte, daß es das Resultat mehr einer willkürlichen Anpassung an die Umstände als eines vorgefaßten Planes war. (…) und so hatte er wahrscheinlich bis zu diesem Tage nicht erraten, wie unglücklich ich jeden Abend war, während meine Mutter und meine Großmutter es sehr wohl wußten; aber sie liebten mich genug, um mir das Leiden nicht ersparen zu wollen, sie wollten es mich überwinden lehren, um dadurch meine nervöse Empfindlichkeit zu mindern und meinen Willen zu festigen. (…) Mama blieb diese Nacht in meinem Zimmer, und offenbar wollte sie mir nicht durch irgendwelche Gewissensbisse diese Stunden verderben, die so ganz anders verliefen, als ich hätte erwarten dürfen, denn als Francoise, die merken mußte, daß etwas Ungewöhnliches vorging, da sie Mama an meinem Bett sitzen, meine Hand halten und mich meiner Tränen wegen nicht schelten sah, sie fragte: „Aber Madame, was hat denn der junge Herr, daß er so sehr weint?“ antwortete sie: „Er weiß es selbst nicht, Francoise, er ist einfach nervös; richten Sie schnell das große Bett für mich, und dann gehen Sie schlafen.“ So wurde zum ersten Male meine Traurigkeit nicht mehr als etwas Strafbares angesehen, sondern als ein unverschuldetes Übel, das man offiziell als einen nervösen Zustand anerkannte, für den ich nicht verantwortlich sei; es wurde mir also die Erleichterung zuteil, daß ich keine Bedenken mehr in die Bitterkeit meiner Tränen zu mischen brauchte, ich konnte weinen, ohne schuldig zu sein. Ich war auch Francoise gegenüber nicht wenig stolz auf diese Umkehrung der menschlichen Verhältnisse, durch die ich eine Stunde nach Mamas Weigerung, zu mir heraufzukommen, und ihrer kränkenden Antwort, ich solle nur schlafen, zur Würde der Erwachsenen erhoben wurde und mit einem Schlage etwas wie eine Pubertät des Schmerzes verliehen bekam, eine Art Recht auf Tränen.>

Man sieht also sehr gut geschildert, dass seine engeren Bezugspersonen, Mutter und Großmutter, ihn zwar einerseits liebten, aber paradoxerweise andererseits (aus Liebe) gewisse Maximen der ‚Schwarzen Pädagogik‘ (vor allem Liebesentzug) an dem Jungen durchsetzen wollten, um „seinen Willen zu stärken“. Nun kommt der Vater an das Problem des unter Angst um den Verlust seines Urvertrauens leidenden Kindes (=eine eigene Theorie von mir, 2021)  mit einem für damalige Verhältnisse neuartigen Paradigma heran, das gerade in jener Zeit ab ca. 1850 sich unter den Gelehrten ausbreitet (vgl. beispielsweise Wilhelm Griesinger), nämlich das Paradigma der  „psychischen Krankheit“ – hier in dem Buch als nervöser Zustand betituliert. (Der Begriff ‘Paradigma’ orientiert sich an dem Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn, ab 1962).

Unter dem Axiom (Begriff aus der Antike: Elemente der Geometrie von Euklid, ca. 300 v. Chr.), also der theoretischen Grund-Voraussetzung, dass es das Kind ist, welches ganz individuell ‚problematisch‘ ist und nicht die Familie, die (zeitgemäß) den damaligen Maximen der Schwarzen Pädagogik (Begriff von Katharina Rutschky, 1977) anhängt, ergibt sich dann zwanglos eine damals modernere, neuere Sichtweise auf das ‚Problemkind‘, nämlich es ist ‚nervös‘, d.h. es ist in Wahrheit psychisch krank, wozu es ja nichts kann. Man erkennt also die Theorie-Abhängigkeit dieser einseitigen Sichtweise auf das Kind, die nicht das Gesamtsystem der Familie in der Gesellschaft bezüglich dieses Problems betrachtet. Dies wiederum ist eine neuere theoretische Sichtweise der Familientherapie (ab 1951 Virginia Sapir) und der systemischen Therapie, die jenem obigen Axiom nicht mehr anhängt, sondern ein neues Axiom zur Grundlage hat, nämlich: Etliche psychische Schwierigkeiten beruhen auf problematischen Interaktionen innerhalb von Beziehungen.

Interessanterweise führt uns Proust nun das Phänomen der ‚Stigmatisierung‘, wie das später benannt wurde (Erving Goffman 1963), dank der durch das Kind erfahrenen Etikettierung ‚nervös‘ = ‚psychische Krankheit‘ vor. Hinter dem Begriff „Etikettierung“ steckt übrigens die moderne soziologische Theorie des „labeling approach“ (ab 1950).

<Ich hätte eigentlich glücklich sein müssen, aber ich war es nicht. Es kam mir so vor, als habe Mama mir ein Zugeständnis gemacht, das ihr schmerzlich sein müßte, als bedeute dies einen ersten Verzicht von ihrer Seite auf die Idealvorstellung, die sie von mir hatte, und als gebe sie, die Mutige, sich nun zum ersten Male geschlagen. Es schien mir, daß, wenn ich einen Sieg davongetragen hatte, dieser Sieg gegen sie errungen sei, daß es mir nur so, wie es der Krankheit, dem Kummer, dem Alter hätte gelingen können, meinerseits gelungen war, ihren Willen zu beugen, ihre Vernunft zum Nachgeben zu bestimmen, und daß dieser Abend der Beginn einer neuen Ära, ein schmerzliches Datum für alle Zeiten sei. Wenn ich es jetzt noch gewagt hätte, hätte ich zu Mama gesagt: „Nein, ich will nicht, schlafe nicht hier.“ Aber ich kannte zu sehr die praktische Weisheit – die realistische Einstellung, würde man heute sagen [Proust schrieb dieses erste Buch 1912] – meiner Mutter, die bei ihr den glühenden Idealismus meiner Großmutter abmilderte, und wußte, daß sie jetzt wo es nun einmal geschehen war, mir lieber das Beruhigungsmittel der Freude zukommen und meinen Vater nicht nochmals stören würde. Gewiß, das schöne Antlitz meiner Mutter strahlte an jenem Abend noch von Jugend, da sie mich so sanft bei den Händen hielt und meine Tränen aufzuhalten versuchte; aber gerade das, schien mir, hätte nicht sein dürfen; ihr Zürnen wäre weniger traurig für mich gewesen als diese neue Art von Sanftmut, die ich ja in meiner Kindheit nicht an ihr kannte; es schien mir, als habe ich heimlich mit frevelnder Hand in ihre Seele eine erste Furche eingezeichnet und sei an einem ersten weißen Haar darin schuld. Bei diesem Gedanken brach ich in erneutes Schluchzen aus, und da sah ich, wie Mama, die sich in meiner Gegenwart niemals etwas wie Rührung hatte anmerken lassen, sich plötzlich von meinem Jammer anstecken ließ und sich bemühen mußte, eine Neigung zum Weinen zu unterdrücken. Sie fühlte wohl, daß ich es bemerkt hatte und sagte lachend zu mir: “Wenn das so weitergeht, wird mein kleiner Goldspatz es noch dahin bringen, daß seine Mama sich so töricht benimmt, wie er. (…)“

 

Wie man sieht, ist das Kind ungeheuer überfordert mit der neuen Situation, was sich in seinem unaufhörlichen Weinen kundtut und ihm auch noch chronisch im Alter nachhängt. Die Mutter weiß ebenfalls nicht weiter, als das Benehmen des Kindes „töricht“ zu nennen und ihr eigenes Mitleiden genauso als ungehörig anzusehen. Man hat hier die Situation eines Kindes, die in extremer Weise das darstellt, was Barbara in einem Zeitungsinterview aussagt:

<Aulbach nennt ein Beispiel: Ein größeres Kind nimmt einem kleineren ein Spielzeug weg. Das kleine Kind weint daraufhin, weil es sich nicht anders zu helfen weiß. Dann würde zum Beispiel eine Erzieherin versuchen, für das Kind zu formulieren, also in Worten auszusprechen, was in ihm vorgehe und auch Lösungen aufzeigen. Dadurch soll das Kind aus der hilflosen Situation befreit werden.> (Quelle: Gießener Allgemeine vom 12.12.21 mit dem Titel: „Selbständigkeit und Autonomie“. Siehe auch Kinderladen Gießen).

Barbara formuliert hier jedoch eine Erziehungsmaxime, die wiederum einer neueren Theorie zugehörig ist, nämlich der Theorie der antiautoritären Erziehung, die sich ab 1968 stärker ausbreitete und teilweise auf Ideen der Reformpädagogik fußt (seit ca. 1900) wozu insbesondere auch der Engländer Alexander Neill mit seiner ‚Summerhill-Schule“ (ab 1921) gehört, aber noch stärker auf neueren Ideen (ab ca. 1940/50/60) von humanistisch gesinnten, klar denkenden Psychoanalytikern wie z.B. René A. Spitz („anaklitische Depression“), Erik H. Erikson, Alice Miller oder Horst Eberhard Richter.

 

 

 

 

 

 

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